Bild: herthabsc

Auf den Spuren von Hermann Horwitz - Fans schreiben Geschichte

Dr. Hermann Horwitz war Vereinsarzt von Hertha BSC während der Meisterjahre 1930/31. In der Zeit des Nationalsozialismus wurde er als Jude verfolgt und nach Auschwitz deportiert. Eine Gruppe von Hertha-Fans begab sich nun auf Spurensuche. Ein Zwischenbericht.

Berlin - Kaffeetassen, Textentwürfe und jede Menge Kopien von historischen Dokumenten sammeln sich seit Anfang September auf den Tischen in den Räumlichkeiten des Fanprojekts in Prenzlauer Berg. Rund 15 HerthanerInnen haben es sich zur Aufgabe gemacht, mehr über das langjährige Vereinsmitglied und Mannschaftsarzt Hermann Horwitz herauszufinden als bislang bekannt ist. Die Historikerin Juliane Röleke und der Leiter des Fanprojekt Lernzentrum @Hertha BSC Söhnke Vosgerau sind die Köpfe des Projektes.  

Wühlen in den Archiven

Auf die Person und das Schicksal von Hermann Horwitz machte erstmals der Historiker Daniel Koerfer aufmerksam. Sein Buch 'Hertha unterm Hakenkreuz' erschien 2010 und legte damit einen Grundstein für Forschung zur Geschichte des Vereins im Nationalsozialismus und damit auch für die derzeitige Spurensuche bildet. Vincent Bruckner, ein Teilnehmer der Spurensuche, will mit dem Projekt die Geschichte von Hermann Horwitz weiter aufarbeiten: "Wir wollen detaillierter recherchieren und die Person ins Bewusstsein der Herthaner und Nicht-Herthaner rücken", so Bruckner. Das Team der Spurensuche widmet sich alten Geburtsurkunden, Berichten von Auschwitz-Überlebenden, Fotosammlungen, Berliner Adressbüchern und anderen historischen Quellen.

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Rubrik 19.01.2017
Spurensuche Hermann Horwitz

Die Spurensuche bildet einen Teil des ganzjährigen Kooperationsprojekts "Aus der eigenen Geschichte lernen", welches das Fanprojekt der Landessportjugend Berlin und die Hertha-Fanbetreuung tragen. "Unsere Teilnehmer sehen ihre Stadt mal aus einer anderen Perspektive. Letztendlich recherchieren und schreiben sie an der Vereinshistorie mit. Das ist ungewöhnlich - Hertha-Fans schreiben Hertha-Geschichte!", skizziert Stefano Bazzano, Fanbeauftragter der Hertha, die Idee zur Spurensuche.

Erste Archivrecherchen hatte Projektleiterin Juliane Röleke bereits im Vorfeld der Spurensuche angestellt und eine Reihe von bislang unbekannten historischen Dokumenten zu Hermann Horwitz aufgefunden. Stück für Stück entdecken die Teilnehmenden das Leben von Horwitz immer weiter. "Der Titel Spurensuche trifft unsere Arbeit sehr genau – am Anfang war wirklich unklar, wohin und wie weit uns das Projekt führen würde, aber wir können nun erstaunlich viele Details seines Lebens beschreiben", bilanziert Bazzano zufrieden.

Einblick in geschichtliche Hintergründe

Motiviert durch die neuen Erkenntnisse begannen die Teilnehmenden auch selbstständig in Gedenkbüchern, Bibliotheken und Archiven weiter zu recherchieren. Bei einem gemeinsamen Ausflug ins Berliner Landesarchiv öffneten sich die heiligen Hallen der Magazine für die HerthanerInnen -  genug Gelegenheit, eine Originalzeitung mit dem Bericht über den Herthaner Meistertitel von 1931 in den Händen zu halten oder die berühmten Archivschränke einmal selbst zu bewegen.

"Die Biographie von Hermann Horwitz ist wie ein Lehrstück zur Alltagsgeschichte des Dritten Reichs und zum Umgang des Sports mit dem Nationalsozialismus", meint Söhnke Vosgerau. Die Spurensuche führte den Teilnehmenden mit der Zeit das Ausmaß und die Akribie der Verfolgung durch die Nationalsozialisten noch einmal vor Augen. "Für uns ist es deswegen wichtig, immer wieder auch auf das Leben einzugehen – auf das Leben und Handeln der Person Hermann Horwitz, aber auch auf das Leben der jüdischen Gemeinde Berlins vor 1933 und nach 1945", betont Juliane Röleke.

Dieser Gedanke spiegelt sich auch in der Broschüre wider, die die Teilnehmenden erstellen. Anhand eines Stadtspaziergangs führt sie die Broschüre an verschiedene Orte in Berlin, die in Hermann Horwitz Leben eine Rolle spielten.

Weitere Pläne für das Projekt

Das Projekt ist damit noch nicht am Ende. Durch die engagierte Arbeit des Spurensuche-Teams ist es Hertha BSC gelungen, Kontakt zum Stadtmuseum Berlin aufzunehmen. Anlässlich des 125-jährigen Jubiläums des Vereins wird es dort in diesem Jahr eine Ausstellung geben, in der auch die Geschichte von Hermann Horwitz thematisiert werden soll – unter anderem mit den Ergebnissen der Spurensuche. Auch laufen bereits die Vorbereitungen für die Gedenkstättenfahrt nach Auschwitz, welche vom 21. bis 26. März 2017 zusammen mit den Fans des Karlsruher SC stattfinden wird. "Da wir herausfinden konnten, dass Hermann Horwitz - anders als bislang geglaubt - nicht direkt nach seiner Ankunft in Auschwitz ermordet worden ist, werden wir uns erstmals zu der Baracke begeben können, wo er zumindest einige Wochen lang gearbeitet hat. Von vielen in Auschwitz ermordeten Menschen gibt es solche Spuren überhaupt nicht mehr", erklärt Juliane Röleke die Bedeutung der Ergebnisse für die Gedenkstättenfahrt.

Auch der Leiter des Lernzentrums Söhnke Vosgerau sieht Möglichkeiten, das Erarbeitete in Zukunft weiter für die Bildungsarbeit zu nutzen: "Wir möchten die Geschichte von Hermann Horwitz weiterverfolgen und daraus ein Seminarangebot für Schülerinnen und Schüler entwickeln, das im Fanprojekt Lernzentrum@Hertha BSC durchgeführt wird."

Es wird also auch weiterhin häufig abends Licht in den Räumen des Fanprojekts brennen. Mit der Veröffentlichung der gesammelten Ergebnisse wird in den kommenden Monaten gerechnet – man darf gespannt sein.

(HerthaBSC/HerthaBSC)

Fans, 30.05.2018
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